Krummacher, Gottfried Daniel - Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan (19).

Neunzehnte Predigt.

Eilfte Lagerstätte: die Wüste Sinai.
Fortsetzung.

2 Buch Mosis 34,1-9.

Laßt uns einen Rückblick werfen auf die Reise, die wir in Gesellschaft Israels in den diesjährigen Frühpredigten gemacht haben. Für eine kurze Zeit in Elim gelagert, wo 12 Wasserbrunnen uns mit ihrem crystallhellen Wasser erquickten und 70 Palmen uns den lieblichsten Schatten und die labendsten Früchte gewährten, mußten wir aufbrechen und uns ans rothe Meer lagern, dessen Wogen uns die heilsamen Wunder Gottes priesen und ganz anders sich ansahen, da wirs nun hinter uns, als da wir es noch vor uns und den Pharao mit seinem Heer hinter uns hatten. Nachdem wir uns dies Meer eine Weile angesehen, wurde uns unser Aufenthalt in der Wüste Sin d.i. Dorn angewiesen. Wer verlangt da nicht weg, aus solcher dornichten Schule, denn das Wort Wüste, heißt auch Unterweisung. Wir zogen und kamen – wohin denn? Nach Daphka, das heißt klopfen, schlagen leidender und thätlicher Weise, was uns auch nicht zum besten behagte. Nun gings drei Meilen weiter nach Alus, was auf durchsäuern und kneten deutet, was auch wohl nicht sehr angenehm sein mag. Doch auch von da gings nach einiger Zeit vier Stunden weiter nach Raphidim, d.h. Ruhebette und einige Ruhe that unsern, zum Theil wunden, Füßen wohl. Aber es heißt auch lasse Hände und wir wurden träge. Jedoch deutet es auch auf Heilung, denn das Wort rapha heißt auch heilen. Wir wurden durch Mangel aufgeregt und zwar durch Mangel an etwas, das sich gar nicht entbehren läßt, an Wasser nehmlich. Statt zu Gott, wandten wir uns an Mosen und statt zu beten murrten wir. Aber der barmherzige Gott ließ es uns nicht entgelten, sondern ließ den dürren Felsen schlagen, der gab uns Wasser’s die Fülle; der Fels war Christus. Auch Amalek kam uns auf den Hals und überfiel uns unversehens und meuchlings von hinten und da, wo wir am schwächsten waren. Die Noth war sehr groß; doch auch sie ging vorüber durch das Hände-Aufheben Mosis. Nun brachen wir von da auf, um uns in die Wüste Sinai zu lagern, wo wir ein ganzes Jahr zubringen müßen; daselbst empfangen wir das feurige Gesetz, daselbst wird unser sündliches Elend offenbar, aber auch die Gnade des Herrn, wovon wir denn jetzt zu handeln gedenken.

Es ist nun ongefähr ein Jahr, daß sich die Kinder Israel am Berge und in der Wüste Sinai aufgehalten haben. Es wird Zeit, daß sie weiter zieh’n. Sie haben sich aber unwürdig gemacht, daß der Herr sich an ihre Spitze stelle. Doch Moses läßt nicht nach, bis er ihm volle Begnadigung ausgewirkt hat, welche in den vorgelesenen Worten in ihrem höchsten Glanze hervorbricht wie die Morgenröthe, versiegelt durch die beiden neuen Gesetztafeln.

Neulich erwähnten wir der kühnen Bitte Mosis an Gott: laß mich deine Herrlichkeit sehen. Es lag bei ihm eine Begierde zum Grunde, wie sie schon vor ihm bei verschiedenen Gläubigen kräftig emporgelodert und hervorgetreten war. Unsere Mutter Eva vergaß augenblicklich ihre ausgestandenen Geburtsschmerzen, als sie das Söhnlein erblickte, das sie geboren hatte. Kaniti, schrie sie voll Freude, ich habe ihn, und nannte ihn Kain, den Erlangten. Mahnten die Wehen sie an die Sünde – dies Knäblein an die Verheissung. Abraham ward froh, daß er den Tag Christi sehen sollte, sah ihn und freute sich. Da war mehrmals ein Fragen nach seinem Namen. Jakob fragte: wie heißest du, Manoah desgleichen. Und Moses wird so in seiner Begierde entzündet, daß er bittet: laß mich deine Herrlichkeit sehen. Er wird auch erhört. Sein Begehren wurde mehrfach erfüllt; theils durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes, die er mit zu genießen hatte; theils durch seine Unterredung mit ihm auf dem Berge der Verklärung; theils und vornehmlich im Himmel und auch damals auf eine sonderliche Weise auf Erden.

Sein Begehren: laß mich deine Herrlichkeit sehen, ward ihm vorläufig bewilligt. Ich will, hieß es, vor deinem Angesichte her, alle meine Güte gehen laßen und will laßen predigen des Herrn Namen vor dir. Aber der Herr setzte hinzu: wem ich aber gnädig bin, dem bin ich gnädig und weß ich mich erbarme, deß erbarme ich mich. Wäre etwa in Mose der heimliche Gedanke aufgestiegen, mit seinem vielfältigen, beschwerlichen Steigen auf den hohen Berg, wozu wenigstens 8 Stunden erforderlich waren und dem vielleicht noch beschwerlicheren Heruntersteigen; mit seinem Eifer für Gott, mit seinem treuen Gehorsam – sich rechtliche Ansprüche an eine Belohnung erworben zu haben – was sich jedoch nicht behaupten läßt – so wurde diese selbst-gerechte Einbildung durch dies Wort niedergeschlagen: wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig und weß ich mich erbarme, deß erbarme ich mich. Es ist unverdiente Gnade, und nichts als Gnade und soll als solche anerkannt werden. Sodann aber liegt auch in diesem Wort ein Nachdruck, als wollte der Herr sagen: wenn ich Gnade beweise, so geschieht dies auf eine Weise, in einer Fülle, in einem Umfange, welcher von nicht geringer Bedeutung ist. Begehrt jemand viel, der Herr kann noch mehr; großes – er kann noch größeres geben. Gilt hier kein Verdienst: so hemmt auch kein Unverdienst. Es ist Gnade und zwar die Gnade Gottes. Und was kann die nicht?

Der Herr fügt eine Einschränkung bei. Moses soll ihn nur von hinten sehen, nicht sein Angesicht, sondern gleichsam seinen Rücken. Diese Worte mögen viel sagen sollen. Freilich müssen die Wege Gottes erst ihr Ziel erreicht haben, ehe man ihre Weisheit und Zweckmäßigkeit völlig einsehen kann. Den Jüngern leuchtete die Zweckmäßigkeit des Leidens und Todes Jesu, erst nach seiner Auferstehung ein. Vor derselben schien ihnen alles durchaus zweckwidrig. So Lazari Krankheit und Tod. So der Blindgeborene. So das kananäische Weib. So noch manchmal die Führungen einzelner Seelen! Es scheint ihnen ausgemacht, daß ihre Führungen ganz anders sein müßten, wenn sie auf ein gutes Ziel abzweckten und ganz anders sein würden, wenn Gott Gedanken des Friedens, wenn er Liebe und Gnade für sie hätte. Und hintennach freuen sie sich und danken wohl gerade für diese dunkeln Wege am allermeisten und erkennen den größten Segen eben da, wo sie früher nichts dergleichen, oder das gerade Gegentheil sahen; denn das Betrüben geht vor dem Trösten her und das Niederschlagen vor dem Aufrichten, das Ausleeren vor dem Füllen und das Tödten vor dem Lebendigmachen. Uebrigens sollte Moses ja auch den Sohn Gottes geringer als die Engel, ja geringer als die Menschenkinder, als einen Fluch am Kreuze sehen, wovon das Vorbild schon in der Wüste, in der kupfernen Schlange aufgestellt wurde. –

Gott bestimmte den Ort, wo er ihm die erbetene Gnade erweisen wollte – den Berg Sinai; die Zeit: des andern Morgens früh: die Weise: ich will alle meine Güte vor deinem Angesichte her gehen lassen und will lassen predigen des Herrn Namen vor dir. Alle meine Güte, meine Gutheit, denjenigen, in welchem alle meine Fülle wesentlich wohnt. Niemand, so erklärte Jesus, ist gut, als der einige Gott – und fragte den reichen Jüngling: warum nennest du mich gut? Nicht, als wollte er diese Benennung von sich weisen und als ihm nicht gebührend ablehnen, sondern vielmehr diesen, übrigens liebenswürdigen Jüngling darauf aufmerksam zu machen, er kenne ich noch nicht; denn dann würde er dies Prädikat mit größerem Bedacht und tieferem Sinne ihm beilegen, und nicht so flüchtig, obenhin und unbesonnen. Jesus selbst legt es sich bei, wenn er sagt: ich bin der Hirt, der Gute. In ihm war das Leben. Sein Reichthum ist unausforschlich. Aus seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Alles was des Vaters ist, ist sein. Wer ihn siehet, siehet den Vater. Er ist alle Gutheit Gottes allein, die aus ihm als dem Born sich auf andere ergießt. Er ist das gesalbte Haupt, von welchem sich Heil auf alle seine Glieder verbreitet. – Derselbe sollte predigen den Namen des Herrn. Ich habe, spricht er, ihnen kund gemacht deinen Namen und will ihnen kund thun, auf daß die Liebe, damit du mich liebest, sei in ihnen und ich in ihnen. Er hat ihn offenbart als einen gnädigen Vater und uns befohlen, ihn also anzureden, ihn also anzusehen, so an ihn zu glauben, so gegen ihn gesinnet zu sein; hat ihn offenbart als einen Solchen, der in ihm war, die Welt mit ihm selber versöhnend. Moses hat eine schwere Sprache, die den Sünder weckt und schreckt, nicht aber ihm Freude bereitet, aber dieser ist ein Meister zu helfen und weiß mit den Müden ein Wort zur rechten Zeit zu reden. Und ihm hat der Vater alles übergeben.

Der gnadenvollen Offenbarung Gottes ging nun eine Vorbereitung von Seiten Mosis vorher. Dieselbe bestand darin, daß er zwei steinerne Tafeln hieb, welche Gott selbst beschreiben wollte, und welche sodann in die Bundeslade unter den Deckel derselben, welcher der Versöhndeckel oder der Gnadenstuhl hieß, gelegt werden sollte. – Der Tafeln waren zwo, deren die erste in vier Geboten lehrt, wie wir uns gegen Gott sollen halten; die andere in sechs Geboten, was wir unserm Nächsten schuldig sind. Sie umfassen die vornehmsten Pflichten des Menschen. Diese können sehr wohl unter zehn Hauptgebote zusammengefaßt sein, wenn wir erwägen, daß, wenn ein Laster verboten, die entgegengesetzte Tugend geboten, auch zugleich alles dasjenige untersagt ist, was mit dem Laster in Verbindung steht, es veranlassen und fördern kann; so wie alles dasjenige geboten wird, was mit der entgegengesetzten Tugend in Verbindung steht und sie fördert. Ueberdas ist das Gesetz geistlich, verbeut also nicht blos die That, sondern auch Gedanken, Lust und was den Menschen dazu reitzen mag. Wie sollten nicht auch alle Pflichten in zehn Geboten zusammengefaßt sein können, da Christus alles in den zweien, der Liebe Gottes über Alles und der Liebe des Nächsten als sich selbst zusammendrängt? – Die Tafeln waren von Stein, als ein Bild des menschlichen Herzens in seiner Härte, Unbiegsamkeit und Ungehorsam, so daß dies steinerne Herz weggenommen und an dessen Statt ein fleischernes gegeben werden muß. Zugleich war der Stein ein Bild der alten Verfassung, die nicht vollkommen machen konnte, dem Sünder nicht half und nicht helfen konnte, sondern von sich auf etwas anderes verwies, wiewohl die Kinder Israel nicht ansehen konnten das Ende des, der aufhört, weil Moses eine Decke vor sein Gesicht legte, 2 Cor. 2,13., welche in Christo aufhört. – Neu waren die Tafeln, statt der alten zerbrochenen, als ein Bild der neuen und bessern Verfassung; der Werkbund war einmal zerrissen und konnte nicht wieder zugenäht werden. Die Gebote vom Sinai machten das Uebel im Grunde nur ärger, indem dadurch die Sünde nur mächtiger und überaus sündig wurde durchs Gebot, welches neben einkam und Zorn anrichtete. Es wurde daher Raum zu einer bessern gesucht. Gott selbst wollte diese Tafeln beschreiben, wie er verheisset: ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben. – Diese neue Gesetztafeln waren von Mose selbst gehauen, und in dem neuen Bunde ist alles wohl eingerichtet und genau für die Bedürfnisse des Sünders berechnet. Man bedenke nur, daß er im eigentlichen Sinne kein einziges Gebot enthält, sondern aus lauter Verheissungen besteht. Es ist wahr, vieles lautet durchaus wie Forderungen und Gebote. Heißt es nicht: glaube an den Herrn Jesum – heißt es nicht: liebet euch unter einander – und so mehreres? Aber dies ist eigentlich nur Gestalt, Form, Einkleidung; das Wesen selbst ist Verheissung. Aber welche Weisheit ist erforderlich, dies zu verstehen, wie kann nur das Licht von oben dies erläutern? Es verhält sich aber so. Drohungen enthält dieser Gnadenbund vollends keine, weil Christus für alle, die in diesen Gnadenbund gehören, ein Fluch worden ist, auf daß er sie von dem Fluch erlösete und sie die Kindschaft und den Segen empfingen. – Der erste Bund konnte gebrochen werden und ist wirklich gebrochen worden. Der Bund der Gnade aber wird nicht wieder gebrochen, eben weil es Gnade ist, worauf er ruht, und weil in demselben alles von dem freien und gnädigen Wohlgefallen abhängt. Es ist ein Salzbund. Es sind feste Gnaden Davids. Gottes Gaben und Berufung mögen ihn nicht gereuen. Was würde auch aus allen werden, wenn dieser Gnadenbund auch wieder hinfallen könnte, da wir ja aus uns selbst auch die kleinste Bedingung nicht zu erfüllen vermögen. Wenn er hinfiele: so hätten wir fürder kein Opfer mehr für die Sünde, sondern ein schrecklich Warten des Gerichts und des Feuereifers Gottes, der die Widerwärtigen verzehren wird. Aber damit Gott den Erben der Verheissung überschwänglich erwiese, wie sein Rath nicht wankete, hat er einen Eid hinzugethan, auf daß wir einen starken Trost haben, der als ein Anker hineingeht bis in’s Inwendige des Vorhangs, wohin Jesus für uns eingegangen. Hebr. 6,18.

Nach diesen Vorbereitungen stieg Moses Morgens ganz früh auf den Berg, an den ihm angewiesenen Ort und wurde hier einer ungemein gnädigen Offenbarung der Herrlichkeit Gottes gewürdigt, wobei er jedoch mehr zu hören als zu sehen bekam, wie er uns solches treulich aufgezeichnet hat. Die Offenbarung selbst geschah also: der Herr kam in einer Wolke hernieder und trat zu Mose und rief den Namen des Herrn, indem er im Vorübergehen ausrief: Herr, Herr Gott! barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue. Der du beweisest Gnade in tausend Glied, und vergibest Missethat, Uebertretung und Sünde. Und vor welchem niemand unschuldig ist, der du die Missethat der Väter heimsuchst auf Kinder und Kindes Kinder, bis in’s dritte und vierte Glied. – Der Prediger war ein anderer als derjenige, von welchem gepredigt wurde, wiewohl der Eine sowohl der Herr war als der Andere. Wir bemerken bei den merkwürdigen Worten, welche Moses hier hörte, zuvörderst die Anrede: Jehova, Jehova, El. Wie der letztere Name seine Macht, so bezeichnet der andere seine Ewigkeit, Unveränderlichkeit, Gnade und Pünktlichkeit in Erfüllung alles dessen, wozu er sich durch seine Versprechungen anheischig gemacht hat, und wozu seine Macht ihn in Stand setzt. In der zweimaligen Wiederholung des glorwürdigsten Namens liegt ohne Zweifel ein besonderer Nachdruck. Wäre er nicht so unveränderlich und treu, so würden ihn seine Verheissungen gereuen. Nun aber bewahrt er Gnade für Tausende. – Der Inhalt der Predigt des Sohnes Gottes umfaßt den ganzen Gnadenbund, in welchem Gott alle seine Tugenden im höchsten Glanze und zwar auf eine dem Sünder trostvolle und erfreuliche Weise verherrlicht. Der Gegenstand desselben ist der Sünder. Niemand ist vor ihm unschuldig, heißt es, er hält keinen dafür, auch Mosen nicht, mochte auch das Volk in seiner Gottlosigkeit besonders herausgebrochen sein, woran er freilich keinen Theil hatte. Alle Welt ist Gott schuldig; da ist nicht der gerecht sei, da ist nicht der Gutes thue, auch nicht einer. Auch Moses, dieser Knecht, der im ganzen Hause treu war, versah es dreißig Jahre später noch so, daß er darüber seinen Eingang in Canaan verscherzte, und mit den übrigen Ungehorsamen in der Wüste sterben mußte. Je gründlicher, unumwundener, aufrichtiger und geradherziger dies jemand anerkennt und eingesteht, daß er nicht unschuldig, sondern schuldig sei, desto besser wird er mit Gott zurechte kommen. Je weniger Umstände und Weitläufigkeit jemand macht, seine Schuld anzuerkennen, desto weniger Umstände und Weitläufigkeit wird Gott machen, sie ihm zu erlassen; jemehr aber jemand sich Mühe gibt, seine Schuld abzulehnen, sie zu entschuldigen und zu beschönigen, desto zurückhaltende wird Gott sein, sie ihm zu schenken. Wir müssen erst in das Urtheil Gottes über uns selbst und alle Menschen einstimmen, so wird er’s auch uns gelten lassen, daß er in Christo war, die Welt mit ihm selber versöhnete, und rechte ihnen ihre Sünden nicht zu. Zum Glück ist der ganze Gnadenbund auf unsere Sünderschaft berechnet, wie ein Krankenhaus für Kranke. Gott kann, nachdem der Sündenfall einmal geschehen, mit den Menschen nicht anders als mit Sündern umgehen, und die sündigen Menschen auf keine andere Weise als durch den Weg des Gnadenbundes mit ihm zurecht kommen. Eine einzige Bedingung, von Seiten des Sünders aus eigenen Kräften leistbar, würde das Ganze ungenießbar für ihn machen und den Bund umstürzen, da ja auch der erste Bund keineswegs auf eine große Bedingung gegründet war. Moses selbst versah es nach 30 Jahren noch so, daß aller seiner frühern Gerechtigkeit nicht gedacht wurde. Petrus versieht es bei dem besten und ernstlichsten Vorsatz und Willen. Was sollte dann aus uns werden, bei der Macht und Mannichfaltigkeit der Versuchungen? Wie dürften wir hoffen, alles wohl auszurichten und das Feld zu behalten, wenn ein böses Stündlein kommt? Vertrauen wir dies unserer eigenen kraft zu, so verrechnen wir uns sehr und kennen uns selbst nicht. – Vor dem niemand unschuldig ist: dies sagt aber auch das Nehmliche, was die Worte ausdrücken; der die Missethat der Väter heimsuchte an ihren Kindern und Kindes Kindern, bis in’s dritte und vierte Glied. Er läßt das Böse nicht ungestraft, sei es an den Vätern, sei es an den Kindern, sei es an der strafbaren Person selber, oder an ihrem Stellvertreter und Bürgen. Die Sünde blieb, nach dem apostolischen Ausdruck, Röm. 3,25, unter göttlicher Geduld, bis Gott seinen Sohn zur Erweisung seiner Gerechtigkeit darstellte zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben in seinem Blut. Er ließ nach Jes. 53. alle die bisher gehäufte Schuld auf ihn anlaufen, und da sie gefordert ward, wurde er unterdrückt, wurde er um unserer Missethat willen verwundet, und um unserer Sünde willen zerschlagen, die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilet. Dies ist die Grundlage des Gnadenbundes, welcher auf dem Opfer Christi als seinem Fundamente beruht. Ihn hat Gott zur Sünde gemacht, auf daß wir in ihm würden Gerechtigkeit Gottes. .Um unserer Sünde willen ward er dahin gegeben, und um unserer Gerechtigkeit willen auferwecket. Was er hier also sagt: niemand ist vor ihm unschuldig, oder er läßt niemand ungestraft, das hat er auch anderthalb Tausend Jahre später an seinem Sohne ausgeführt. Er bezahlte als Bürge, was er nicht geraubt hatte, und so gehen alle frei und ungestraft aus, die an seinen Namen glauben, wie strafwürdig sie auch sonst in sich selbst und nach dem Gesetz sein mögen. – In diesem Gnadenwerk nun hat Gott seine liebenswürdigsten Tugenden in dem allererfreulichsten Glanze geoffenbart, die sich hier wie Sonnenstrahlen in einem Brennpunkte vereinigen. Offenbart sich in der Schöpfung seine Weisheit und Allmacht und Güte – hier leuchten sie in noch höherm Glanze, da seine Weisheit nicht nur das Problem löset, wie ein Sünder zur Gemeinschaft Gottes gelangen soll, sondern seine Güte sich’s auch ihr Bestes, das ist, den eigenen Sohn kosten läßt, und seine Macht sich in seiner Auferweckung und in einer neuen Schöpfung verherrlicht. Offenbart sich in der Gesetzgebung seine Heiligkeit also, daß alles Volk zittert, bebt und fliehet, sie offenbart sich noch weit mehr in dem Gnadenwerk, wo ein Einziger – aber was für ein Einziger – zittert, bebt, doch nicht flieht, sondern mit willigem Herzen hinzunaht und in des Todes Staub gelegt wird, kraft dessen nun auch sein Volk geheiliget wird, durch den Glauben an ihn, welches jene Offenbarung durch alle ihre Schrecken nicht vermochte. Hier treten aber noch andere Sterne am Himmel hervor, hier schimmern noch andere göttliche Eigenschaften, wie sie in der Schöpfung und Gesetzgebung nicht gesehen werden. Der Herr ruft diese seine Bundestugenden selbst aus, wenn er den Herrn preiset als barmherzig, gnädig und geduldig, von großer Gnade und Treue, denn so scheint er in dem Gnadenbunde. Er ist barmherzig, innerlich liebhabend, dies gilt den Elenden, den Trostlosen, über die alle Wetter gehen. Sein Herz bricht ihm über dem Seufzen dieser, mit mannichfachem Elend ringenden Herzen, wo hier eine Tiefe und da eine Tiefe brausen, daß er sich ihrer erbarmen muß. Seine Barmherzigkeit, rühmet Maria, währet immer für und für, bei denen die ihn fürchten. Was ist köstlicher als wenn man sich gegen einen andern und besonders gegen einen solchen, welcher nach der Strenge mit uns verfahren, aber auch uns achttäglich helfen kann, wenn man sich gegen ihn eines zarten Mitleids versehen darf, nach welchem unsere Noth und Kummer ihm nahe geht. und siehe, wir haben einen Hohenpriester, welcher Mitleiden haben kann mit denen, die da schwach sind und versucht werden, als der da selbst mit Schwachheiten umfangen gewesen, und allenthalben versuchet ist, gleich wie wir, doch ohne Sünde, auf daß er barmherzig und ein treuer Hohepriester würde, die Angelegenheiten wahrzunehmen, welche bei Gott zu besorgen waren. Bist du denn elend, o Seele! schaue denn aus der Grube des Jammers hinauf zu dem am Gnadenfirmament flimmernden Stern, Barmherzigkeit genannt. Ein Abgrund von Barmherzigkeit verschlingt ein Meer voll Herzeleid. – Und gnädig, so fährt der Herr fort, sich selbst dem bekümmerten, heilsuchenden Sünder anzupreisen. Er räumt dadurch eine wichtige Bedenklichkeit weg, die, ihre Unwürdigkeit fühlend, nicht weiß, was den Herrn bewegen könnte, auf sie herab zu sehen und sich ihrer anzunehmen. Was ihn dazu bewegen könnte? Dies – daß er gnädig ist. Er ist zum Wohlthun geneigt und wartet mit dem Ausspenden nicht auf Würdige. Selbst Raben hört er. Spricht jener: ich bin nicht werth, daß du unter meinem Dache einkehrest; so ruft er aus: solchen Glauben habe ich in Israel nicht funden. Beugen soll dich deine Unwürdigkeit, den Muth benehmen soll sie dir nicht. Dieser Simson kann auch Eselskinnbacken brauchen, und reitet nicht auf stolzen Rossen, sondern auf dem Füllen einer lastbaren Eselin; den unehrlichsten Gliedern wird wohl die meiste Ehre angethan. – Der Herr rühmt drittens die Langmuth des Herrn, die auch Petrus preiset und sagt: die Geduld des Herrn achtet für eure Seligkeit, und Paulus nennt ihn einen Gott der Geduld, wie des Trostes. Röm. 15,5. David rühmt seine Geduld, wenn er Psalm 103. sagt: er weiß, was für ein Gemächte wir sind, er denket daran, daß wir Staub sind. Er läßt sich nicht alsbald durch Fehler, bei welchen kein böser Vorsatz zum Grunde liegt, zu Zorn und Eifer reizen, sondern hat schonende Geduld und Nachsicht. Muthet er uns schwachen Menschen zu, unserm Nächsten siebenzigmal siebenmal zu verzeihen, wie vielmehr wird er sich also gegen solche benehmen, die ihn ungern beleidigen und sich darüber beugen und grämen und einen neuen Zulauf zu seiner Gnade thun. Er gibt Zeit und Raum zur Buße. Benutze die ein jeglicher allen Ernstes, damit die göttliche Geduld nicht ermüde und sein Zorn erwache. –

Und von großer Gnade und Treue oder Wahrheit. So redet auch Johannes: das Gesetz ist durch Mosen gegeben, aber die Gnade und Wahrheit ist durch Jesum Christum worden. Mit Recht preiset der Herr seine Gnade als groß und viel. Groß ist sie schon deswegen, weil es die Gnade Gottes ist, die größer und kostbarer ist als Alles, und mehr von uns verdient begehrt zu werden, als irgend etwas Anderes; daher wünscht Paulus den Gemeinen die Gnade unsres Herrn Jesu Christi, als das vortrefflichste Gut. Groß heißt sie, wegen des erstaunlichen Aufwandes, den ihre Erwerbung gekostet hat, welche nichts geringeres erforderte, als das Blut und Leben des Sohnes Gottes selbst. Wie groß muß doch eine Gnade sein, welche einen solchen Preis gekostet hat! Groß ist sie, weil sie eine so unzählbare Menge umfaßt, die niemand zählen kann, aus allen Heiden und Völkern und Sprachen; weil sie aus einem so tiefen Elend hilft, und in eine so unbeschreiblich große Glückseligkeit versetzt; groß und viel, weil sie allein allen Bedürfnissen abhilft und alles an dem Sünder thut, was an ihm geschehen muß, wenn er soll selig gemacht werden. Sie schenkt Wollen und Vollbringen, den Anfang, das Wachsthum, das Beharren und die Vollendung, sie heilt alle Krankheit und Gebrechen. Petrus redet daher von einem Allerlei seiner Gnade, was zum Leben und göttlichen Wandel dient; groß heißt sie, weil sie sich durch so viel Widerstand durcharbeitet zu einem so herrlichen Siege, wie besonders an einigen Exempeln kund wird, die hienieden und droben in des Vaters Reich, wie Sterne erster Größe leuchten immer und ewiglich. Und mit welchem Widerstand hat sie nicht in dem Menschen zu kämpfen, wo sie ihren gesegneten Wohnsitz nimmt! Wie schwer kann sich der Mensch überhaupt darin finden, aus Gnaden gerecht, heilig und selig zu werden; was ist das für ein hartnäckiger Unglaube, welcher, wenn er einmal versenkt zu sein scheint, immer wieder auftaucht, was ist das für eine Widerspenstigkeit des alten Menschen, der sich nicht will kreuzigen lassen; welche Unhandelbarkeit und Ungeduld im Kreuz, wie viel Eigenliebe, Eigensinn, eigene Wahl und eigenes Leben, so daß manche werden einstimmen, wenn jener singt: Wie viel harte Wege, wie viel tausend Schläge kostet dir mein Herz. Doch triumphirt zuletzt sein hoher Rath. Und die Gnade in der Seele knüpft und hängt sich an des Herrn Gnade seufzend und flehend: brich durch, es koste was es will. Mit der Gnade verknüpft der Herr den Preis der Treue und Wahrheit des Herrn. Abraham achtete denjenigen treu und wahrhaftig, der ihm einen Sohn verheißen hatte, und so ließ er sich in kein Spekuliren ein, sondern glaubte auf’s gewisseste, was Gott verheißen, werde er auch thun. O! ein treuer Gott, ruft Paulus 2 Cor. 1. aus. Er erfreut die Thessalonicher mit der Zusicherung: getreu ist der, der euch gerufen hat, der wird’s auch thun – und jene mit den Worten: Gott ist getreu, der euch nicht wird über Vermögen versucht werden lassen, sondern mit der Versuchung den Ausgang schafft, daß ihr’s ertragen könnt. Ja an den Timotheum schreibt er: glauben wir nicht, oder sind wir mißtrauisch, er bleibet treu; er kann sich selbst nicht verleugnen. 2 Tim. 2,13. Gott gibt wohl Verheißungen, aber sie werden nicht immer so geraden Weges, in der Geschwindigkeit und ohne Anstoß erfüllet. Nein, sondern es geht oft über – und häufig wider die Vernunft; es dauert oft lange und geht durch große Schwierigkeiten. Aber er ist von großer Treue, und was er zusagt, hält er gewiß, wenn er auch vorher alles in Trümmer gehen läßt, so kommt doch endlich seine Wahrheit triumphirend aus den Trümmern hervor.

Der Gnade bewahret viel Tausenden. Der da bewahret, heißt auf hebräisch: Nozer. Dies ist, wider den Gebrauch der hebräischen Sprache, mit einem großen N geschrieben, und am Rande wird auf diese Schreibart, als auf etwas Bemerkenswerthes, aufmerksam gemacht. Erinnert das Wort Nozer nicht an Nazarener, wie die Juden unsern Herrn Jesum spottweise nennen und es Nozri aussprechen? Wenn wir auch weiter keine Schlüsse daraus ziehen, so ist es doch merkwürdig, so ist es doch nicht von ohngefähr geschehen, so ist doch eben dieser Nazarener unser Heil, derjenige, in welchem und durch welchen uns Gnade bewahrt wird, wie sie uns durch ihn erworben ist. Sie sei mit uns allen und mit viel Tausend andern, aus Christen, Juden, Muhamedanern und Heiden.

Diese Gnade offenbart sich besonders darin, daß sie Missethat, Uebertretung und Sünde vergibt. Ein herrliches Wort, der begangenen schweren Sünde des Volks gegenüber. Ein vergebender Gott! welche Herrlichkeit! Was sollte aus uns werden, wenn’s nicht also wäre? Er vergibt Sünden von allen Arten, in aller Größe und in jeglicher Zahl, wenn sie anders bußfertig erkannt werden und zu dem Nozri treiben, den die selbstgerechten Juden und Judengenossen verachten, der aber den Berufenen Gottes Weisheit und Gottes Kraft ist. Der Herr, der von großer Gnade und Wahrheit ist, sagt und predigt das selbst, daß er vergebe. Es ist also ganz gewiß und keinem Zweifel unterworfen. O! es werde auch in den Herzen aller heilsbegierigen Seelen zu einer zweifelfreien Gewißheit, und eben dadurch zur Quelle einer Freudigkeit, die unsere Stärke ist, auch heilig zu leben.

So ließ Moses nicht nach und zog nicht eher vom Sinai weg, bis er der völligen Versöhnung, Begnadigung und Freundschaft gänzlich versichert war. Dies hatte er zur Bedingung gemacht – sonst führe uns nicht von dannen. Dies erlangte er auch. Nun zogen sie denn fröhlich weiter. So hatte durch die große Barmherzigkeit Jehova’s ihr Elend ihm eine Veranlassung und Gelegenheit müssen sein, sich an diesen Unwürdigen desto herrlicher zu offenbaren. Elend kann dich bald bewegen, Heil und Segen wirst du mir verleihen noch. Zwar hatten sie sich wol ein Jahr in den ängstlichen Regionen Sinai’s aufhalten müssen, aber gleich wie ein natürlicher Bach vortrefflichen Wassers vom Gipfel des Sinai’s herabfällt: so ein noch köstlicherer Gnadenbach in dieser, armen Sündern so angemessenen Offenbarung der Herrlichkeit Gottes. So verdrieße es uns auch nicht, rechtschaffen gedemüthigt zu werden, damit wir auch erhöhet werden zu seiner Zeit. Ist jenes schmerzhaft; so ist dies desto lieblicher.

Da fiel Mose eilend zur Erde nieder und betete an. Unaussprechliche Empfindung durchströmte seine Seele; deswegen sagte er auch kein Wort, sondern schwieg. Aber desto bewegter war seine Seele, und desto voller von Dank und Lob und Liebe, bis er endlich in die Worte ausbrach: der Herr gehe mit uns, denn es ist ein halsstarrig Volk, daß du unsrer Missethat und Sünde gnädig seist und lässest uns dien Erbe sein.

Und was könnten wir besseres und schicklicheres thun, als mit Mose niederfallen, anbeten und begehren: der Herr gehe mit uns und erweise sich an uns als barmherzig, gnädig und geduldig. Er beweise Gnade an viel Tausenden. Er sei gnädig unserer Missethat und Sünde und lasse uns sein Erbe sein! – Amen.